Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus

Die Entstehung des Kapitalismus ist eng verknüpft mit der gewaltsamen Durchsetzung eines neuen Zeitempfindens. So konnte eine neue Form der Arbeitsdisziplin entstehen, die mittlerweile verinnerlicht wurde, damals aber der Bevölkerung gegen ihren Willen anerzogen werden musste. Seitdem heißt es „Zeit ist Geld“, womit selbstverständlich das Geld des Chefs gemeint ist. Der marxistische Sozialhistoriker E.P. Thompson resümiert in seinem 1967 veröffentlichten Aufsatz: „Der ersten Generation der Fabrikarbeiter wurde die Bedeutung der Zeit von ihren Vorgesetzten eingebleut, die zweite Generation kämpfte in den Komitees der Zehn-Stunden-Bewegung für kürzere Arbeitszeit, die dritte schließlich für einen Überstundenzuschlag. Sie hatten die Kategorien ihrer Arbeitgeber akzeptiert und gelernt, innerhalb dieser Kategorien zurückzuschlagen. Sie hatten ihre Lektion – Zeit ist Geld – nur zu gut begriffen.”

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E.P. Thompson: Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus (1967)

Wir sind doch kein Kampagnenheinz!

Dieser 1991 in der Berliner Szenezeitschrift Interim erschienene Text, ist eine Abrechnung mit den Autonomen. Viele der kritisierten Punkte – beispielsweise Theoriefeindlichkeit, Ein-Punkt-Politik, strategielose Kampagnen, geringe Verbindlichkeit, subkulturelle Selbstbezogenheit, mangelnde Transparenz und informelle Hierarchien – sind leider immer noch aktuell. In einem Reader der Gruppe FelS, deren spätere Gründungsmitglieder die sogenannte „Heinz Schenk Debatte“ initiierten, finden sich dieser und weitere Artikel zur Organisierungsfrage der frühen ’90er Jahre.

I. Die Geschichte der autonomen Bewegung ist die von Kampagnen. Auch wir haben gehofft, aus Ein-Punkt-Bewegungen zur kontinuierlichen Politik kommen zu können. Trotzdem wir dieses Konzept seit der Anti-AKW-Bewegung ’86 für gescheitert erachten, haben wir uns dann zähneknirschend mangels Alternative z. B. an der IWF- und Shell-Kampagne beteiligt, obwohl wir deren baldigen Absturz vorausahnten. Wir hielten eine ungenügende Praxis für besser als gar keine.

Mit diesem Beitrag nehmen wir erstmals gegen die neuesten Kampagnen Stellung. Wenn wir Beispiele anführen, dann vor allem die Anti-Olympia-Kampagne: Sinngemäß trifft unsere Kritik aber auch z. B. auf die WWG- und Flüchtlingskampagne zu.

Dabei haben wir nichts Grundsätzliches gegen eine Flüchtlings-, Olympia- oder WWG-Kampagne einzuwenden, sie müssten aber Resultat strategischer Diskussionen sein und nicht deren Ersatz.

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