Kommt ihr mit in den Alltag?

Eine praktische Kritik an der Interventionistischen Linken und ein Mutmacher zum Andersmachen. 

Zwei Genoss*innen fragten sich in der arranca! #48, warum wir neben der Arbeit in Basisinitiativen noch eine IL brauchen. Wir wussten es im Sommer 2014 auch nicht mehr und sind deshalb nach sieben Jahren aus der Interventionistischen Linken (IL) ausgetreten. Klar, die IL ist stark darin, Demonstrationen zu organisieren, Bündnisse zu schmieden oder medienwirksame Aktionen durchzuführen. Beim Anbahnen und Führen sozialer Kämpfe rund um Wohnraum, Arbeit und Prekarität stand sie uns allerdings eher im Weg.

Wir waren hauptsächlich damit beschäftigt, Gremien zu besetzen, Bündnistreffen zu besuchen, bei Demonstrationen und Kampagnen zu unterstützen, Projekte anderer Arbeits- und Ortsgruppen abzunicken und eigene Projekte im Plenum zu präsentieren. Soziale Kämpfe wurden zu einer Nebenbeschäftigung. Was dsan1 in der arranca! #48 vermutet, wurde für uns zur Gewissheit: Wir führen soziale Kämpfe nicht wegen, sondern trotz unserer Mitgliedschaft in der IL. Kosten und Nutzen standen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr.

Raus aus dem Hamsterrad Eine Organisierung gegen die Angst

Was wir eigentlich wollten, war eine Praxis, die Leistungszwang, Armut und Ausgrenzung angreift und solidarische Alternativen entwickelt. Eine Organisation, die durch Selbstorganisation und direkte Aktion die Probleme ihrer Mitstreiter*innen löst. Ein Projekt, in dem wir kontinuierlich unsere Konflikte diskutieren und analysieren können, um unsere Angst zu verlieren und das Kämpfen im Alltag zu erlernen.

Wir begannen zu überlegen, welche Strukturen wir hierzu schaffen müssen. Was bedeutet es konkret den Widerstand im Herzen der Bestie zu organisieren? Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein und welche Denkweisen und Überzeugungen überprüft und eventuell abgelegt werden? Was hält uns davon ab, Widerstand zu leisten?

Wir alle neigen dazu, Konflikte im Alltag nicht zu suchen, sondern zu umgehen. Das ist verständlich, schließlich besteht ein Risiko für diejenigen, die sich als erstes wehren. Der Kampf kann verloren werden. Die darauffolgenden Sanktionen Verlust von Job, Wohnraum, Ersparnissen, sozialen Kontakten können verheerend sein. Ist man in dieser Situation auf sich allein gestellt, überwiegt die Angst vor der Strafe, die uns an die bestehenden Verhältnisse bindet. Wir schließen uns der Analyse der Autor*innen von Maulwurf statt Adler in der arranca! #48 an, die den strategischen Kern des neoliberalen Angriffs in der Universalisierung von Angst und Verunsicherung ausmachen. Auch wenn sie die immer noch herrschende Disziplinierung unterschätzen, die zunimmt, je proletarisierter man ist, haben sie Recht: Angst verhindert effektiv Widerstand. Man muss sich nur den Unterschied zwischen dem Bild, das radikale Linke von sich selbst als rebellische Minderheit zeichnen und dem, was sie im eigenen Alltag tun, vor Augen führen. Wir kennen kaum Linke, die gegenüber ihrem Chef den Mund aufmachen oder an vorderster Stelle stehen, um sich zu wehren, wenn im eigenen Haus eine Mieterhöhung ansteht also auch im Alltag das tun, was sich auf Demonstrationen schon heute viele trauen.

Was unserem Erachten nach radikale Linke von radikalen Laberbacken unterscheidet, ist genau diese Fähigkeit. Bereit zu sein, als erstes den Kopf hinzuhalten, einen Kampf aufzunehmen und solidarisch zu sein. Denn es gibt genug Menschen, die sich wehren würden, wenn sie wüssten, dass sie nicht alleine sind. Es fehlt allerdings an materiellen Strukturen, die diese Kämpfe ermöglichen und eventuelle Rückschläge und Niederlagen abfedern.

Damit sich die Angst davor, im Hamsterrad nicht mehr mithalten zu können, nicht nur in Empörung oder Wut ausdrückt, sondern in Widerstand verwandelt, muss die Welt als ungerecht und veränderbar wahrgenommen werden. Das geschieht aber nur zum allerkleinsten Teil durch Diskurse. Der klügste Text und die schönste Demonstration entlassen uns nach wenigen Stunden wieder in den Alltag, wo wir uns tagtäglich als Subjekte konstituieren und sich die herrschende Ideologie reproduziert. Wenn es aber der Alltag ist, der unsere Vorstellungen und Praxen prägt, muss es auch der Alltag sein, in dem wir andere Vorstellungen und Praxen entwickeln. Das passiert viel zu selten, was sich daran zeigt, dass es oft keine Ideen gibt, wie Kämpfe geführt werden könnten. Am frappierendsten haben wir das im Bereich der Lohnarbeit erlebt. Ein beträchtlicher Teil der Linken hat kaum Kenntnisse über die eigenen Rechte und keine Idee davon, wie Organisierung am Arbeitsplatz jenseits von Ich rufe die Gewerkschaft, und die macht dann was stattfinden könnte. Das Wissen um Bummelstreiks, Sit-Ins und Überstundenverweigerung muss ebenso wieder verbreitet werden, wie die Erfahrung, dass diese Taktiken von Menschen wie dir und mir angewendet werden können. So kann das Repertoire an möglichen Antworten auf unsere alltäglichen Probleme wachsen.

Dabei geht es nicht um sozialarbeiterische Befriedung von Konflikten, sondern um eine radikale Praxis, die uns durch Kollektivität in die Lage versetzt, uns frei verfügbare Zeit und Lebensqualität anzueignen. Das gelingt nur, wenn wir die Dinge, die uns betreffen, selbst entscheiden und auch selbst in die Hand nehmen wollen. Daraus folgt, dass wir in einem kontinuierlichen Dialog mit anderen Menschen stehen müssen, die bereit sind, sich zu wehren. Nicht nur, weil wir in den alltäglichen Konflikten die Vorstellung verankern müssen, dass sich niemand ein gutes Leben erst durch Lohnarbeit oder Kindererziehung verdienen muss Leistungszwang also rundweg abgelehnt wird. Sondern auch, weil wir zur Entwicklung einer solchen Praxis viel von anderen zu lernen haben. Wir sind überzeugt davon, dass Befreiung nur so entsteht. IL-Politik setzt dagegen eher auf Agitation, als selbst Teil der sozialen Prozesse zu werden. Historisch gesehen ist das eines der größten Probleme der Linken, verfestigt man doch so die Trennungen zwischen denen, die die Ideen haben und denen, die sie umsetzen, zwischen Führenden und Geführten, zwischen Helfenden und Bedürftigen.

Unsere Erfahrungen mit solidarischen Alltagskämpfen

Wir beteiligen uns seit über einem Jahr an Wilhelmsburg Solidarisch, einem Projekt, das versucht diese Trennungen zu überwinden. Zweimal im Monat gibt es einen offenen Anlaufpunkt für alle Menschen mit Fragen rund um Arbeit, Aufenthalt, Jobcenter und Wohnen. Wir beraten uns gegenseitig, bilden uns weiter, begleiten uns zu Ämtern, unterstützen uns im Alltag oder machen öffentlichkeitswirksame direkte Aktionen.

Unsere Organisierung basiert auf gemeinsamen Interessen und Bedürfnissen. So entwickeln wir Schritt für Schritt Strukturen, die es uns ermöglichen, Kämpfe zu führen. Wir reflektieren unterschiedliche Taktiken und Strategien am Arbeitsplatz oder auf den Ämtern. Wir bieten finanziellen und emotionalen Rückhalt, wenn sich jemand für unsere Ideen und Ideale einsetzt und dadurch Nachteile erleidet. Zehntausende Euro verpulvert die Linke alljährlich für schicke Mobiclips und Plakate irgendwelcher abstrakten Kampagnen. Brauchen wir nicht eher einen Fonds für Menschen, die sich gegen ihre Zwangsräumung wehren? Oder eine Solidaritätskasse für Erwerbslose, die Flugblätter mit Widerstandstechniken gegen ihre Bewerbungstrainings verteilen und dafür sanktioniert werden? Statt eine gemeinsame Identität als Mieter*innen, Nachbarschaft oder Arbeiter*innen eines bestimmten Sektors zu entwickeln, versuchen wir ein Gefühl umfassender Klassensolidarität zu erzeugen. So rücken proletarische Alltagserfahrungen in das Zentrum unserer politischen Praxis. Wilhelmsburg Solidarisch hat deshalb das Potenzial zu einem Ort zu werden, an dem wir ein Leben lang immer wieder zusammenkommen. Denn Alltagskämpfe lassen sich zwar nicht auf Dauer stellen eine Auseinandersetzung mit Chef*in, Vermieter*in oder Behörde kann sich über lange Zeit hinziehen, ist aber auch irgendwann beendet. Allerdings tauchen solche Konflikte ein Leben lang immer wieder auf und sind meistens ohnehin miteinander verwoben. Wenn das Amt nicht zahlt, kriegt auch mein*e Vermieter*in keine Kohle.

Hinzu kommen die Momente, in denen wir uns gemeinsam entschließen, den Konflikt zu suchen. Die Frage, was uns zum Kämpfen befähigt, steht im Zentrum unserer strategischen Überlegungen. Lasst uns das am Beispiel eines Arbeitskampfes verdeutlichen: Wir haben es geschafft, Verbesserungen im Betrieb zu erzielen. Der Preis war allerdings, dass diejenigen, die entschieden zum Erfolg beigetragen haben, wie so häufig entlassen wurden. Jetzt haben wir den Vorteil, ein Kollektiv zu sein, das weiß, wie man mit Arbeitsagentur und Jobcenter umgeht. Und zwar so, dass man Kohle, aber keinen Stress bekommt. Dadurch wird der Jobverlust weniger existenzbedrohend. Unsere Organisierung endet im Gegensatz zu einer rein gewerkschaftlichen nicht mit dem Konflikt oder am Werkstor. Dadurch können sich alle Beteiligten in Zukunft wieder trauen, sich für ihre Sache einzusetzen. Das meinen wir ganz praktisch, wenn wir von der Notwendigkeit einer Organisierung gegen die Angst sprechen.

Um eine möglichst große Offenheit gegenüber unterschiedlichsten Lebenslagen herzustellen, versuchen wir viele Andockpunkte zu schaffen. Dabei sollen unsere Strukturen wachsen können und leicht adaptierbar sein, um sich ausbreiten zu können. Neben dem Anlaufpunkt haben wir regelmäßig stattfindende Kneipenabende, die für einige Genoss*innen zu einem wichtigen Ort der Vernetzung geworden sind. Manche kommen ausschließlich zu Treffen, auf denen Aktionen oder Strategien besprochen werden. Und es gibt Menschen, die vorwiegend an Veranstaltungen und Workshops teilnehmen. Statt eines Plenums als Zentrum haben wir viele Punkte, an denen wir je nach Interesse und verfügbarer Zeit partizipieren oder eben auch nicht. Wir versuchen uns gegenseitig zu vermitteln, dass wir auch dann Teil von Wilhelmsburg Solidarisch sind, wenn wir mal ein halbes Jahr nicht da sind. Phasen von Aktivität und Nicht-Aktivität zu thematisieren, ohne Rechtfertigungsdruck aufzubauen, ist wichtig, um darüber sprechen zu können, warum jemand keine Zeit oder Kraft hat. Erst so entsteht die Möglichkeit, die politische Dimension scheinbar individueller Entscheidungen wie den legendären Rückzug ins Private und die Arbeit offen zu legen.

Das ist notwendig, weil politische Organisierung für uns kein Hobby ist, das wir uns leisten, sondern eine Selbstverteidigungsmaßnahme. Wir finden es zunehmend irritierend, wie in Flyern von den Lohnabhängigen oder den Arbeitslosen gesprochen wird, als ob die Verfasser*innen der Texte mit ihnen nichts zu tun hätten und außerhalb der Gesellschaft stünden. Wir zumindest, als Menschen ohne großes Vermögen und Eigentum an Produktionsmitteln, haben ein Eigeninteresse an einem kämpferischen Kollektiv, in das wir unsere vermeintlich privaten Konflikte tragen können und das uns unterstützt. Die IL-Strukturen, in denen wir früher aktiv waren, konnten das nicht leisten. Und da viele Leute aus anderen Politgruppen zu uns kommen ist dieses Problem offensichtlich in der Linken weit verbreitet.

Aber auch Menschen, die bislang keinen Kontakt zu linken Inhalten und Strukturen hatten, weil sie durch Flugblätter und Demonstrationen nicht erreicht werden, kommen zu Wilhelmsburg Solidarisch. Das ist nicht verwunderlich, weil wir die gleichen Probleme teilen und ein materielles Interesse daran haben, uns gemeinsam zu organisieren. Unsere Radikalität bestimmt sich folglich durch die Art, wie wir Konflikte bearbeiten und welche Mittel wir in unseren Kämpfen wählen. So glauben wir, eine breite soziale Basis herstellen zu können, die für eine gesellschaftliche Transformation unabdingbar ist und unter vielen Menschen linke Praxen und Ideen bekannt zu machen nicht als Theorie oder Lifestyle, sondern als gelebte Renitenz. Weil wir eine Kultur etablieren, die jeden willkommen heißt und ernst nimmt, haben wir das Gefühl, zum ersten Mal in einer Organisation zu sein, in die wir jeden Interessierten einladen können, ohne Angst zu haben, dass unser Milieu und die Themen abschreckend wirken.

Sind politische Gruppen also überflüssig?

Natürlich nicht. Sie haben ihre Berechtigung als Assoziation der Gleichgesinnten. Hier sind nicht die Interessen, sondern die Ideen das Verbindende. Sie dienen als Ort der Entwicklung neuer Strategien sowie der Analyse und Interpretation sozialer Kämpfe. Ihr Maßstab ist nicht zuerst das Erzielen von Erfolgen, sondern die Frage, ob die Kämpfe uns dem Ziel einer revolutionären Veränderung der Verhältnisse näher bringen. Schließlich neigen alle erfolgreichen Organisationen, die für ihre Interessen kämpfen, ab einer bestimmten Größe dazu, konservativ zu werden, wie ein Blick in die Geschichte anarcho-syndikalistischer Gewerkschaften zeigt. Unsere Aufgabe als radikale Linke besteht demzufolge darin, Tendenzen zu bekämpfen in denen Partikular- über Allgemeininteressen gestellt werden. Mit dem Einfordern von Solidarität alleine kommt man da nicht weiter. Es gibt ja faktische Interessengegensätze zwischen Lohnabhängigen. Etwa wenn Festangestellte ihre Interessen auf Kosten von Leiharbeiter*innen durchsetzen wollen, oder dem alleinerziehenden Vater der Jobverlust droht, weil er sein Kind während des Kita-Streiks nicht alleine lassen kann.

Wenn wir nicht wollen, dass diese Interessengegensätze zu Ungunsten der schwächeren Gruppe aufgelöst werden, müssen wir uns in diesen Kämpfen für eine umfassende Solidarität einsetzen, die auch das Zurückstellen eigener Privilegien notwendig macht. Das lässt sich dann aber nicht mehr mit kurzfristigen Interessen oder Bedürfnissen begründen, sondern nur durch unsere politische Perspektive. Wenn dieser Standpunkt eine Chance haben soll, geteilt zu werden, muss er da artikuliert werden, wo eine neue Gesellschaft erkämpft wird: im Handgemenge der sozialen Kämpfe.

Unsere Erfahrung ist allerdings, dass viele IL-Genoss*innen Basiskämpfe theoretisch super finden, dann aber schnell abwinken: Können das nicht andere erledigen? Sich mit den Problemen der Leute zu beschäftigen oder den ganzen trockenen Rechtskram zu lernen, sollen die Basisaktivist*innen übernehmen. Man selbst kümmert sich lieber um die Vernetzung, bündelt die Akteure, stellt Ressourcen zur Verfügung oder spitzt Forderungen zu. Dahinter steckt auch die Vorstellung, dass im vorpolitischen Klein-Klein der Alltagskonflikte der Blick für das große Ganze, die Theorie und die echte Politik verloren geht.

Wir beobachten es genau anders herum. Erst in der direkten Auseinandersetzung mit Herrschaft an den Orten ihrer Realisation in den Arbeitsstätten, Amtsstuben, Gerichten, Wohnanlagen im Interesse an ihren todlangweiligen bürokratischen Abläufen, im Dialog über die Gefühle, die Unterdrückung in uns erzeugt, kann Theorie wertvoll werden für die Unterdrückten versteht sich. Das ist der Hintergrund, weshalb Linke, die sich das erste Mal in sozialen Kämpfen tummeln, sich mit einer komplizierten Gemengelage (IL Recht auf Stadt AG in arranca! #48) konfrontiert sehen und bemerken, dass der Großteil linker Theorie in der konkreten Praxis keinen Vorteil bringt. Aber nicht weil linke Theorie per se nutzlos wäre, oder Kämpfe am besten instinktiv und ohne theoretische Hintergedanken ablaufen, sondern weil sie heute hauptsächlich von Menschen produziert wird, die an der Seitenlinie der Kämpfe stehen.

Als wir vor einem Jahr mit dem Versuch begannen, eine andere Praxis zu entwickeln, ist das aus dem Bedürfnis heraus entstanden, nicht weiter Politik vom Feldherrnhügel aus zu betreiben. Wir wollten mehr, als revolutionäre Prosa zu produzieren, die auch dann noch Zeugnis unserer eigenen Ohnmacht ist, wenn sie auf einer Großdemonstration verlesen wird. Dafür mussten wir unsere Komfortzone verlassen und uns dem Aufbau alltäglicher Gegenmacht widmen. Wir finden, es hat sich gelohnt.

 


Dieser Artikel wurde von Zweiter Mai im Dezember 2015 verfasst und erschien im April 2016 in der Ausgabe Nr. 49 der Zeitschrift arranca!

3 Gedanken zu „Kommt ihr mit in den Alltag?“

  1. Eine sehr gute Begründung für euren Schritt. Raus aus der IL, rein in die Alltagskämpfe. Es entspricht auch meiner persönlichen Erfahrung, dass sich Abstiegsängst, Geldsorgen, Bevormundung am Arbeitsplatz, Angst ums Kind usw. nur kollektiv und eben nur in der Konfrontation mit dem Amt, dem Chef usw. bekämpfen lassen. Ich habe allein aus der Unterstützung von Genoss_innen vorm Arbeitsgericht mehr gelernt und mehr Mut gefasst als bei vielen Demos und Reden. Und ich ertrage es inzwischen – mit dieser Erfahrung im Rücken, persönliche Ängste (vor Konfrontation) überwinden zu können – sogar Gesetzestexte zu lesen. Allerdings stellt sich für mich die Frage, wie sich über die einzelnen Konflikte hinaus neben der Klassensolidarität auch eine ökonomische und militante Basis bilden kann, die es erlaubt, Angriffe abzuwehren. Dafür bietet Anarchosyndikalismus ein Modell. Eure Behauptung, in der Geschichte seien anarchosyndikalistische Gewerkschaften mit Wachstum und Erfolg konservativ geworden, kann ich nicht nachvollziehen. War die CNT in Spanien mit 2 Millionen Mitgliedern 1936 etwa konservativ? In jedem Fall aber: Solidarische Grüße nach Wilhelmsburg!

    1. Wir meinen tatsächlich nur, dass alle erfolgreichen Organisierungen ab einer gewissen Größe dazu neigen konservativ zu werden. Das ist kein zwangsläufiger Ablauf. Mit der CNT hast du selbst ein starkes Gegenbeispiel genannt. Die CGT hingegen ist heute zwar die zweitgrößte französische Gewerkschaft, aber nicht mehr revolutionär. Von unzähligen anderen Gewerkschaften, kommunistischen, sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien in der Geschichte ganz zu schweigen. Wir haben den Anarcho-Syndikalismus nicht genannt, weil wir ihn diskreditieren wollten, sondern weil viele Anarcho-Syndikalist_innen ihr Bestes versuchten – und trotzdem häufig scheiterten. Wir glauben, dass Anarcho-Syndikalist_innen viele wertvolle Erfahrungen gesammelt haben an die es anzuknüpfen gilt. Wir wollten darauf hinweisen wie wichtig wir es finden, von Anfang an aktiv und beständig konservativen Tendenzen (z.B. Bürokratisierung oder Hierarchisierung) und Einstellungen entgegenzuarbeiten. Ein Blick in die Geschichte reicht dazu allerdings nicht aus. Wie das heute funktioniert, müssen wir voneinander lernen.

      In diesem Sinne auf bald und viele Grüße!

  2. Super Text den man wirklich mit Bereicherung lesen kann. Allerdings stellt sich mir beim Lesen die Frage, wieso Basis- und „Großorganisation“ in Widerspruch gesetzt werden. Klar, ihr begründet das mit mangelnden Kapazitäten. Also das die Basisarbeit durch die überregionale Arbeit gelitten hat. Gleichzeitig schreibt ihr weiter unten das Großorganisationen nicht überflüssig sind, sondern wichtig für die „Entwicklung neuer Strategien sowie der Analyse und Interpretation sozialer Kämpfe“.

    Hier stellt sich mir die Frage: Habt ihr vor euch ab einer gewissen Größe wieder an die IL (oder einer anderen Orga) anzuschliessen um die beschriebene Analyse leisten zu können?
    Und ist also eurer Meinung das „Problem“ Basis vs. Groß eigentlich nur dann vorhanden, wenn Basisgruppen einfach personell zu klein aufgestellt sind um beides abzudecken? Und seht ihr es prinzipiell als Notwendigkeit an, dass sich Basisgruppen ab einer gewissen Größe überregional organisieren?

    Zur Arbeit von zweiter Mai im Allgemeinen: Klasse was ihr macht! Ich hoffe man hört noch mehr von euch!

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