Dienst nach Vorschrift

150.000 Menschen arbeiten in Deutschland in der Systemgastronomie. Auseinandersetzungen verlaufen in dieser Branche meist nach dem bekannten Muster: Warnstreik, Schlichtung, Einigung. Dass es auch anders geht, zeigt dieser Bericht aus einer Starbucksfiliale in den USA. Ohne Unterstützung einer mächtigen Gewerkschaft haben sich die Beschäftigten organisiert, gemeinsam einen Plan ausgeheckt und ihn durchgezogen. Sie zeigen, dass wir nicht auf große Organisationen oder Bewegungen warten müssen. Der Kampf gegen prekäre Arbeit kann hier und jetzt beginnen.


Teil 1: Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte

Die Wochenenden sind unter Starbucksbaristas1 berüchtigt. Das sind die Tage, an denen die Leute Zeit haben, ihren Frust, der sich die ganze Woche angestaut hat, an einem arglosen Beschäftigten abzulassen. Kund_innen kreuzen mit ihren schreienden Kindern auf, ganze Busladungen voller Tourist_innen versuchen zu verstehen, warum ein kleines Getränk „tall“ genannt wird, und im Laden ist eigentlich immer zu wenig Personal, um die Nachfrage zu bewältigen. Es war passenderweise ein Sonntag, an dem ein Ereignis dazu führte, dass die Starbucksbaristas einen cleveren Machtkampf begannen, der ihre Arbeitsbedingungen verbessern sollte.

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  1. Barista: macht Getränke, putzt Toiletten und den Laden, kassiert und füllt Vorräte auf. []

Solidarische Netzwerke: Innovationen, Neuzusammensetzung und Fragen

In den USA entsteht mit den Solidarity Networks ein spannender Versuch, die Erfahrungen aus Community Organizing, gewerkschaftlichem Organizing und Anarchosyndikalismus zusammenzuführen. Im deutschsprachigen Raum ist dieser Ansatz noch weitgehend unbekannt. Wir haben deshalb folgenden Überblicksartikel übersetzt, den Scott Nappalos im Dezember 2013 auf Recomposition  Notes for a new workerism veröffentlichte.

Das Auftauchen von Solidarischen Netzwerken (engl.: Solidarity Networks) hat nicht nur in den USA, sondern auch international zu Experimenten und Debatten geführt. Soweit wir wissen, ist ihre Entstehung auf das Seattle Solidarity Network zurückzuführen. Einfach gesagt ist ein Solidarisches Netzwerk eine Gruppierung, die direkte Aktionen durchführt, um Kämpfe von Einzelnen oder Gruppen, typischerweise Arbeiter_innen oder Mieter_innen, zu unterstützen. Im Unterschied zum traditionellen gewerkschaftlichen Organizing begann das Seattle Solidarity Network (kurz: Seasol) ein Milieu zu mobilisieren, das bereit war Probleme zu bearbeiten, die Menschen aus der Arbeiter_innenklasse haben, egal wo sie leben oder arbeiten. Das bedeutet auch zu kämpfen, wo es bereits eine Gewerkschaft gibt, wo jemand auf sich allein gestellt ist oder wo sich viele Mieter_innen und Beschäftigte engagieren. Eine ausführliche Beschäftigung mit diesen Erfahrungen wäre bestimmt umfangreich. Wir stellen hier einige der Hauptargumente aus den Diskussionen und Artikeln vor, die sich mit Solidarischen Netzwerken beschäftigt haben, um sie bekannt zu machen und aus ihnen zu lernen.

Druck aufbauen: Mitglieder eines Solidarischen Netzwerks posieren in der Einfahrt eines Vermieters
Druck aufbauen: Mitglieder eines Solidarischen Netzwerks aus Kanada posieren in der Einfahrt eines Vermieters

Dieser Ansatz hat viele Stärken, die etwas über Organisierung in der Gegenwart aussagen. Solidarische Netzwerke ermöglichen es Revolutionär_innen als kleine Gruppe zu beginnen, öffentliche Kämpfe zu führen und sich durch Konflikte zu vergrößern und zu entwickeln. Die meisten Soldarischen Netzwerke nehmen sich Problemen wie unausgezahlten Löhnen oder zurückgehaltenen Mietkautionen an, weil sie Menschen betreffen, die den Ort der Auseinandersetzung bereits verlassen haben. Dadurch werden negative Auswirkungen und Probleme verringert, die normalerweise bei der Organisierung im eigenen Haus (aus dem du rausgeschmissen werden kannst) oder bei der eigenen Arbeit (die du verlieren kannst) entstehen. So können Menschen, die normalerweise nicht in einer guten Lage sind, um sich zu organisieren, Kämpfe führen und aus ihnen lernen. Die Stadt ist der Aktionsbereich und die Gesamtheit des Lebens der Arbeiter_innenklasse ist das Ziel. In einer Zeit zunehmend unsicherer Erwerbstätigkeit, sinkender Lebensstandards und einer generellen Entfremdung und Entpolitisierung vieler Lohnabhängiger bieten Solidarische Netzwerke mögliche Ansatzpunkte, wie revolutionäre Politik geeignete Lösungen hervorbringen kann.

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